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    Über 100 Pflegekräfte streiken am HELIOS Klinikum Dachau

    Über 100 Pflegekräfte streiken am HELIOS Klinikum Dachau

    Warnstreik am Helios Amperklinikum Dachau Martin Tobies Warnstreik HELIOS Amperklinikum Dachau

    Am 25. und 26. Oktober streikten über 100 Beschäftigte des HELIOS Amperklinikums Dachau für einen Entlastungstarifvertrag. Mit dem zweiten Warnstreik versuchen die Beschäftigten mehr Druck auf den Arbeitgeber auszuüben, endlich für eine Entlastung des Pflegepersonals durch eine tarifvertraglich festgelegte Mindestbemessung der eingesetzten Pflegerinnen und Pfleger zu sorgen. Es geht also um mehr Personal.

    "Die Beteiligung am Warnstreik ist leider etwas geringer als beim letzten Mal", stellt Christian Reischl für ver.di fest. "Das liegt vor allem an der vom Arbeitgeber blockierten Notdienstvereinbarung." Ver.di hatte den Arbeitgeber aufgefordert, eine Notdienstvereinbarung abzuschließen, damit die Versorgung der Patientinnen und Patienten nicht gefährdet wird. Der Arbeitgeber blockierte dies, sodass viele Kolleginnen und Kollegen ihre Patienten nicht im Stich lassen wollten.

    Eine Pflegerin erklärt die paradoxe Situation: "Das Wahnsinnige ist, dass der Notdienstvorschlag von Helios zum Teil den Regeldienst total übertrifft! Teilweise arbeiten wir im Alltag schlechter besetzt als jetzt im Notdienst", klagt eine Pflegerin gegenüber der Süddeutschen Zeitung. "Es gibt eine feste Bettenanzahl, aber wie viele Pfleger für einen Patienten zuständig sind, ist nicht vorgeschrieben", erklärt ein anderer. Auch Azubis spüren den enormen Personalmangel: "Wir müssen Dinge erledigen, die wir eigentlich noch gar nicht dürfen, zum Beispiel Patienten alleine in den OP bringen", erklärt eine Auszubildende gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Ein anderer Azubi ist verunsichert: "Helios hat am 1. Oktober die Schule übernommen und nachdem unsere Lehrerin gegen die Privatisierung ist, ist sie einfach gegangen." Einige beklagen, dass sie nicht mehr richtig angeleitet würden, weil die Examinierten nicht genug Zeit dazu haben. Die Frage, Gehen oder Bleiben, scheint immer mehr Betroffene im Klinikum zu beschäftigen. "Wer garantiert mir, ob ich übernommen werde?", fragt einer.

    Für ver.di ist klar: Personalnot hat bei Helios System. "Bei der Thematik der Entlastung wird von Seiten des Arbeitgebers gemauert. Und die Mauern sind hoch." erklärt Robert Hinke, der ver.di Verhandlungsführer in den Verhandlungen um einen Entlastungstarifvertrag. Er drängt auf eine Mitarbeiterbefragung zur Arbeitszufriedenheit und zur Belastungssituation. Für Hinke sei es ein "unglaubliches Armutszeugnis", dass dies nicht längst passiert sei. Eine weitere Forderung von ver.di ist ein sogenanntes Ausfalls- und Konsequenzenmanagement, bei dem bereits vor einer kritischen Situation geregelt wird, wie mit Notständen umgegangen wird.

    Die Politik schaut zu

    Nur zwei Vertreter des Kreistages, Harald Dirlenbach (SPD) und Heinz Eichinger (SPD), ließen sich bei den Streikenden blicken und hatten einige warme Worte dabei. Warme Worte bringen den Beschäftigten allerdings nichts. Die ver.di Betriebsratsvorsitzende Annett Götze warf beiden daher vor, die Situation "schönzureden" und sich aus der Verantwortung zu ziehen. Von der Realität der Arbeit hätten beide keine Ahnung. Wütende Zwischenrufe wie "Ich bin bei 300 Überstunden", "Patienten müssen teilweise bewusst ins Bett machen, weil keiner von uns kommen kann" oder "Das schlimmste sind demente Patienten, die sich nicht beklagen können. Es ist eine Sauerei, was in diesem Krankenhaus veranstaltet wird. Patienten sterben in ihren Betten, weil zu wenig Personal da ist. Und die können nicht mehr reden!" machten den beiden Kreistagsabgeordneten die Dramatik der Situation klar.

    "Der Betrieb von Krankenhäusern ist auf Profitmaximierung ausgerichtet, da gerät die moralisch-ethische Seite schon mal in eine Schieflage. Das ist die erschreckende Wahrheit - und zu verantworten hat sie letztlich die Gesundheitspolitik des Bundes, der das einst vorbildliche Gesundheitswesen in Deutschland zu Tode reformiert hat." schimpft Helmut Zeller in der Süddeutschen Zeitung daher vollkommen zurecht. Die Kommunalpolitik habe sich durch die Privatisierung selbst entmachtet. Das Herunterspielen der Situation sei "auch eine Ohrfeige für die völlig überlasteten Pflegekräfte und vor allem die Patienten, die unter dem Pflegenotstand am meisten leiden" schreibt er weiter. Viele Klagen von Dachauern häuften sich über die miserable Personalausstattung der Dachauer Klinik. "Das Personal kann nichts dafür - aber von einer funktionierenden ärztlichen Versorgung, und das betrifft nicht nur das Krankenhaus, mag man nicht mehr sprechen." schließt er ab.

    Es geht weiter

    Die Beschäftigten und ver.di werden weder die Politik noch die Geschäftsführung aus der Verantwortung lassen. Gemeinsam mit vielen anderen Krankenhäusern fordern sie verbindliche Entlastungstarifverträge und eine Personalaufstockung. Auch wenn der Helios-Konzern mit einem kleinen Warnstreik in Dachau kaum unter Druck gerät, viele Nadelstiche werden ihn zum Umlenken bewegen. Diese zwei Warnstreiks waren eine Warnung. Das nächste Mal werden wir in einen Durchsetzungsstreik gehen. Ob sich dann noch Kommunalpolitiker trauen, die Situation zu beschönigen, werden wir sehen.