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    Wider die permanente Verfügbarkeit

    Wider die permanente Verfügbarkeit

    Thema: Wie Unternehmen Betriebsräte einwickeln wollen
    Prof. Dr. Christian Scholz ver.di München Prof. Dr. Christian Scholz

    „Es gibt Betriebsräte, die lassen sich von ihren Unternehmen einbinden. Ein‚binden‘ im wahrsten Sinne des Wortes. Und sind dann stolz, wenn sie beispielsweise bei der Umorganisation auf ein Großraumbüro mitbestimmen durften, welche Farbe die Couch bekommt.“ Das, was fast wie eine Schelte der Betriebsräte erscheint, sind liebevoll mahnende Worte von Professor Christian Scholz. Er hat den Betriebsräte-Empfang von ver.di München & Region regelrecht gerockt. Hat ernste Themen humorvoll verpackt, um den rund 180 Teilnehmer/innen die Augen zu öffnen.

    Viele Unternehmen verkaufen uns täglich Mogelpackungen und verwenden dafür vermeintlich moderne Begriffe. Bereits 2017 hatte Scholz in einem Zeitungsartikel eine provokante Frage gestellt: „Wollt ihr die totale Verfügbarkeit?“ Beim Münchner Betriebsräte-Empfang stellte er dar, dass die Unternehmen in der Tat Flexibilität und Verfügbarkeit rund um die Uhr erwarten. Sie wollen die Vermischung von Arbeit und Privatleben, genannt Work-Life-Blending. Das zieht aber zum Glück bei der „Generation Z“ (Jahrgänge ab ca. 1990) nicht mehr so ganz.

    Arbeitszeit

    Statt grenzenloser Flexibilität der Mitarbeiter/innen ist eine andere Flexibilität, ein Selbst­bestimmungsrecht für die Beschäftigten erforderlich. Die permanente Verfügbarkeit muss durch eine faire Form des Work-on-Demand (Arbeit auf Abruf) ersetzt werden.

    Arbeitsort

    Es ist nachgewiesen, dass Großraum­büros oder Desk-Sharing (Teilen des Arbeitsplatzes) für die Gesundheit der Beschäftigten nicht gut ist. Dem Arbeitgeber bringt es erhöhte Kontrollmöglichkeiten und Kosteneinsparungen. Die Beschäftigten brauchen aber einen Arbeitsplatz, mit dem sie sich identifizieren können.

    Arbeitsinhalt

    Derzeit hält in vielen Betrieben „digitaler Taylorismus“ mit kleinteilig zerlegten ­Arbeitsschritten Einzug. Manche sind auch von den „disruptiven Wirkungen“ der Digitalisierung fasziniert. Stattdessen fordert Scholz eine „digitale Sinnstiftung“. Also die Arbeit im digitalen Zeitalter so zu organisieren, dass die/der einzelne ­Beschäftigte in ihrer/seiner Arbeit auch einen Sinn erkennen kann.

    Arbeitsverhältnis

    Den wachsenden atypischen Arbeitsverhältnissen stellt Christian Scholz Selbstbestimmung und Sicherheit gegenüber. Statt digitalem Feudalismus fordert er demokratische Unternehmensführung. Er plädiert aber auch dafür, die Digitalisierung nicht als Tsunami zu sehen, dem wir wehrlos gegenüberstehen, sondern die Chancen, die sie bietet, auch zu nutzen. Die Mehrheit der Deutschen will Arbeit und Freizeit trennen, deshalb müssen wir zurück zur Work-Life-Balance.

    Heinrich Birner