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    Folgen der Digitalisierung mildern

    Versicherungen

    Folgen der Digitalisierung mildern

    Interview mit Renate Trattner-Lang, Vorsitzende des ver.di-Landesfachbereichsvorstands Finanzdienstleistungen und Betriebsrätin bei Generali in München
    Renate Trattner-Lang, Herbert Mahl (Betriebsrat) und Gregor Völkl ver.di Renate Trattner-Lang, Gregor Völkl (ver.di-Sekretär Versicherungen) und Herbert Mahl (Betriebsrat) sammeln bei den Beschäftigten der Generali in München Unterschriften für einen Digitalisierungstarifvertrag

    VER.DI PUBLIK - Du bist als Mitglied der Tarifkommission im privaten Versicherungsgewerbe dabei, wenn ver.di einen Tarifvertrag fordert, um die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Beschäftigten abzumildern. Was kommt auf die Beschäftigten in den Versicherungen zu?

    RENATE TRATTNER-LANG - Die Produkte der Versicherungen werden im Baukastensystem angeboten, es gibt weniger individuelle Anpassungen, damit das Produkt am Computer und im Internet vom Kunden selbst zusammengestellt werden kann. Ein Sachbearbeiter ist somit nicht mehr nötig. Auch bei der Schadensre­gulierung wird heute schon viel "dunkel verarbeitet" - also über eine Software berechnet, dann wird die Auszahlung angewiesen. In den nächsten Jahren wird es wohl das Berufsbild Versicherungskauffrau/mann, wie wir es bisher kannten, gar nicht mehr geben. Nicht mehr lange - und der bisher qualifizierte Arbeitsplatz wird vom "Kollegen Computer" übernommen.

    VER.DI PUBLIK - Das klingt, als würde es eine Menge Arbeitsplätze kosten. Ihr fordert deshalb Sicherheit für die Beschäftigten. Was haben die Arbeitgeber gegen den Tarifvertrag?

    TRATTNER-LANG - Er ist ihnen zu teuer. Sie meinen, es sei nicht ihre Aufgabe, die Weiterbildung oder Umschulung der Kolleginnen und Kollegen noch weitergehend zu finanzieren, als sie das bisher mit Unterstützung der DVA (Deutsche Versicherungsakademie) tun. Sie sind der Meinung, für die Weiterbildung müsse jeder selbst Verantwortung tragen, sie selbst finanzieren, in der Freizeit. Beschäftigungssicherung lehnen sie ab. Die würde ihre unternehmerischen Entscheidungsmöglichkeiten einschränken.

    VER.DI PUBLIK - Die Digitalisierung kostet Geld. Investitionen sind notwendig. Aber warum tun sich die Vorstände in den Versicherungen so schwer damit, Investitionen in die Beschäftigten auch als gute Geldanlage zu sehen?

    TRATTNER-LANG - Die Beschäftigten werden immer als größter Kostenfaktor bezeichnet. Deshalb verspricht die Digitalisierung ja auch so hohe Einsparungen. Zudem erklären die Arbeitgeber immer wieder, die Branche sei schon durch Niedrigzins, Zinszusatzreserve und mehr finanziell sehr belastet. Die Wettbewerbsfähigkeit müsse auch Online-Angeboten gegenüber erhalten bleiben. Trotz maximaler Dividenden­ausschüttung und Gewinnwachstums wollen die Unternehmer nicht in ihre Mitarbeiter investieren. Stattdessen werden Belegschaften ausge­gliedert und neue dann billiger eingestellt.

    VER.DI PUBLIK - Verhandeln die Arbeitgeber anders als früher?

    TRATTNER-LANG - Das bisherige Ritual - drei Verhandlungsrunden, dann wird es schon einen Abschluss geben - hat nicht funktioniert. Das Angebot war in der entscheidenden Runde so grottig, dass die ver.di-Verhandlungskommission die Verhandlungen für gescheitert erklären musste. Mein Eindruck ist, dass sich die Unternehmen ihrer sozialen Verantwortung mehr und mehr entziehen. Alles wird nach Gewinnstreben ausgerichtet. Deshalb fordern wir einen Schutz für die Kolleginnen und Kollegen, die jeden Tag dafür arbeiten, dass diese Gewinne trotz aller Widrigkeiten zustandekommen.

    Interview: Tina Scholze