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    Ergebnis Blitzumfrage Soziale Arbeit und Klient*innenkontakte

    Sozialpädagog*innen aus dem öffentlichen Dienst und der Freien Träger antworten

    Ergebnis Blitzumfrage Soziale Arbeit und Klient*innenkontakte

    „Akuter Notstand“

     

    München, den 11.05.2020

    Während die Eilmeldungen zur Corona-Pandemie täglich eintreffen und nahezu jede Form von gewohntem Alltag aufgelöst wurde, müssen sich Beschäftigte neu einrichten und die Krise zu ihrem Alltag machen. Auch für die Beschäftigten in der Sozialarbeit heißt es nun: wie ist mit der unbekannten Lage umzugehen? Welche Gefahren und Problematiken drohen in meinem Berufs-Verhältnis? Um darüber mehr zu erfahren, wurde die „Blitzumfrage unter Sozialarbeiter*innen in München und angrenzenden Landkreisen zum aktuellen Kontakt mit Klient*innen / Adressat*innen“ ins Leben gerufen, bei der vom 29.04. bis 09.05.2020 über 300 Sozialpädagog*innen teilgenommen haben.

    Die Ergebnisse zeigen hierbei einen akuten Notstand in den Arbeitsfeldern der Sozialarbeiter*innen in und um München auf. 82,3% der Befragten gaben an, dass sich seit dem Corona-Ausbruch der Kontakt mit ihren Zielgruppen drastisch verändert hat. Die Sozialarbeit in München, die im direkten persönlichen Kontakt stattfindet, muss sich nun auch im Home-Office oder in der Einrichtung neu erfinden. Dabei geben 46,5% der Befragten an, dass es im Home-Office an Hardware (wie zum Beispiel Dienst-Handys) mangelt, während gut die Hälfte auch ein Defizit in der Software feststellt (wie zum Beispiel an Chat-Apps). So stehen die Beschäftigten vor der Schwierigkeit, dass viele von ihren Klient*innen weder die Ausstattung mit noch die Kenntnis über PCs, Laptops, Handys haben, damit man zum Beispiel via Zoom persönliche Gespräche führen kann.

    Ebenso gibt es große Problematiken in den Fällen, die nicht durch Fernkontakt aus dem Home-Office oder dem Büro geklärt werden können, sondern direkten Kontakt verlangen. In dieser Situation vermissen 48,8% persönliche Schutzausrüstung, es gibt zu wenig Desinfektionsmittel, zu wenig Masken, zu wenig Handschuhe – für das Personal wie für das Klientel. Ebenso berichten 52,2%, dass es keine Plexiglas-Schutzeinrichtungen gibt für Beratungsgespräche in den Büro- bzw. Einrichtungsräumen.

    Viele der Befragten melden, dass die Räumlichkeiten bereits vor Corona zu klein waren und sie sich jetzt nicht an den einzuhaltenden Abstand von 1,5 Metern halten können.

    Große Sorgen wird sich auf Seiten der Beschäftigten natürlich auch um die Klient*innen gemacht, die zum großen Teil extrem von dem Covid-19 Ausbruch betroffen sind, wie alleine der traurige Fall um den verstorbenen Mirkan K. beweist[i].

    "Die Ergebnisse überraschen nicht. Schon vorher haben wir beklagt, dass die Büros zu klein sind, wenn zwei Kolleg*innen in einem Raum gleichzeitig telefonieren und persönliche Beratungsgespräche führen müssen. Und es wäre auch schon vorher möglich und notwendig gewesen, alle Kolleg*innen mit Diensthandys auszustatten, da viele Klient*innen WhatsApp nutzen sowie nur mobil angerufen werden können. Eine bessere Ausstattung muss von den Kostenträgern allerdings auch finanziert werden, die Soziale Arbeit darf nicht länger ein Sparmodell sein", so Andreas Schlutter von der Mitarbeiter*innenvertretung der Inneren Mission München.

    „Die Sozialarbeiter*innen bei den Kommunen und den Freien Trägern sind gar nicht oder nicht ausreichend genug mit FFP2 Masken ausgestattet. Sie müssen zum Beispiel bei der Abklärung einer möglichen Gefährdung auch mit Verdachtsfällen oder infizierten Personen schnell in Kontakt treten. Dies ohne ausreichenden Schutz tun zu müssen ist fahrlässig“, so Philipp Heinze verdi Sprecher vom Sozialreferat München.

    Gefragt, wie die Sozialarbeiter*innen den Kontakt halten und persönliche Treffen unter Einhaltung der Hygienemaßnahmen organisieren, kamen unzählige Antworten, die das hohe Engagement der Befragten deutlich machen. Treffen werden im Freien organisiert oder die Kolleg*innen besuchen ihre Klient*innen mit selbst genähten Masken daheim. Sie richten für ihre jugendlichen Adressat*innen WhatsApp Chatgruppen auf ihren privaten Handys ein oder organisieren für Eltern ‚Zoom‘-Meetings mit ihren privaten Notebooks um den Beratungskontakt zu pflegen.

    Auf unsere Frage, wie die schrittweise Rückkehr zur Normalität in Coronazeiten geplant werden kann, verschriftlichten die Kolleginnen und Kollegen viele Ideen und reflektierten, welche Veränderungen auch in Zukunft notwendig sind und von Nutzen sein werden. Dazu gehört das Vorhalten von ausreichender Schutzausrüstung für längere Zeiträume, Bereitstellung der nötigen Hard- und Software, die sich an den Möglichkeiten und Bedürfnissen der Klient*innen orientiert und sie auch technisch und persönlich miteinbezieht im neuen Umgang miteinander. Dazu gehören Räumlichkeiten und Begegnungsformen, um den Bedingungen mit Corona im Normalbetrieb gerecht zu werden. Und vor allem auch viele kreative Ideen, die es jetzt gilt weiter auszuprobieren und die Chance, mit den neuen Erfahrungen zu arbeiten, auch zu nutzen.

    Die Best-Practice-Beispiele der letzten Frage werden derzeit noch aufbereitet und per e-mail (https://lists.posteo.de/listinfo/ag-sozialdienst) und Facebook veröffentlicht (Stand 11.05.)

    Kontakt und V.i.S.d.P.:
    Merle Pisarz, ver.di München, Schwanthalerstr. 64, 80336 München Tel.089/59977-7070 merle.pisarz@verdi.de

    Zum Umfragedesign:
    Wir baten über e-mail und Soziale Medien die Sozialarbeiter*innen in München und angrenzenden Landkreisen zum aktuellen Kontakt mit Klient*innen / Adressat*innen. Die Umfrage lief vom 29.04. bis 09.05.2020. Wir beendeten die Befragung als exakt die 300. Befragung abgeschlossen war.

    Die Fragen waren:
    -Hast Du derzeit im selben Umfang und Häufigkeit persönlichen Kontakt mit der Zielgruppe wie vor Corona?
    -Hindert Euch aktuell etwas am Arbeitsplatz (Einrichtung/Büro/Homeoffice/Außendienst) persönlichen, direkten Kontakt oder Kontakt durch Kommunikationsmittel mit den Klient*innen aufzunehmen? 
    -Wie plant Ihr nun schrittweise wieder mehr persönlichen Kontakt aufzubauen? Schreibt uns eure Vorgehensweisen und Ideen dazu. Diese sollen anderen Kolleg*innen als Anregung dienen. Die Tipps werden anonymisiert als best-practice Beispiele veröffentlicht.


     
    [i] (vgl. https://www.sueddeutsche.de/muenchen/coronavirus-muenchen-fluechtling-gestorben-1.4895158; zuletzt aufgerufen am 08.05.2020)

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