Frauen und Gleichstellung

    Einziger Fehler: Frau

    Einziger Fehler: Frau

    150 Jahre Druckergewerkschaft - ver.di wäre nicht ver.di ohne Paula Thiede. Von einer, die auszog, um eine Gewerkschaft anzuführen
    Es sind die ersten Tarifverhandlungen, die Paula Thiede (hinten in der Mitte stehend) 1906 mit ihrer 19-köpfigen Verhandlungskommission bestreitet Foto: Nachlass Hermann Lohse Paula Thiede  – Es sind die ersten Tarifverhandlungen, die Paula Thiede (hinten in der Mitte stehend) 1906 mit ihrer 19-köpfigen Verhandlungskommission bestreitet

    Von Petra Welzel

    Auf den Straßen Berlins herrscht der Ausnahmezustand. Es ist der 8. März 1919 und einige Menschen versuchen, an Generalstreik, Verkehrshindernissen und Barrikadenkämpfen vorbei zum städtischen Zentralfriedhof nach Buch zu gelangen. Am frühen Morgen ist es noch völlig ungewiss, ob der einzige laut Plan fahrende Zug nach Buch auch fahren wird. Schließlich fährt er und bringt ein gutes Dutzend Menschen zum Friedhof. Sie wollen der Frau das letzte Geleit geben, die in den vergangenen zwanzig Jahren ihre Gewerkschaft angeführt hat: Paula Thiede, die nur wenige Tage zuvor verstorbene Vorsitzende des "Verbandes der Buch- und Steindruckerei-Hilfsarbeiter und -arbeiterinnen Deutschlands".

    Mit der Aufbahrung der Toten in einer Holzbaracke, in der nicht alle Trauergäste Platz finden, wird es eine bescheidene Beerdigung. Der eigentlich bestellte Chor hat es wegen der Tumulte auf den Straßen und des eingeschränkten Verkehrs nicht zur Trauerfeier geschafft. Es ist, als kämpfe Paula Thiede selbst am Tag ihrer Beisetzung mit den Widrigkeiten des Lebens. Sie, die sich seit sie arbeitete stets und - so ist es den erhaltenenen Trauerreden zu entnehmen - unermüdlich der gewerkschaftlichen Organisation vor allem der Hilfsarbeiterinnen im Buchdruckgewerbe verpflichtet hatte. Eine der zwei Frauen unter den trauernden Gewerkschaftern ist Auguste Bosse, die dem Bezirk der Organisation in Magdeburg vorsteht. Am Grab ihrer Vorsitzenden sagt sie: "Wir bekamen Mut, wenn wir sie sprechen hörten, wenn wir sahen, was auch eine Frau vermag im großen Kampf."

    Heute ist nach Paula Thiede die ruhige kleine Straße an der Spree benannt, an der die ver.di-Bundesverwaltung in Berlin ihren Sitz hat. Noch immer werden auch von hier aus Auseinandersetzungen in der Arbeitswelt geführt, sehr viele auch für Frauen. Wenn auch unter ganz anderen Voraussetzungen. Die Berufstätigkeit der Frau wird heute nicht mehr ernsthaft in Frage gestellt wie noch zu Paula Thiedes Zeiten. Und auch eine Gewerkschafterin ist heute keine Unmöglichkeit mehr, ganz im Gegenteil. Dass das so ist, ist auch ein Verdienst Paula Thiedes, die so etwas wie der weibliche Kern der heutigen Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ist.

    Zehn gut angelegte Pfennige

    Als Paula Thiede am 6. Januar 1870 in Berlin geboren wird, ist die Welt eine andere. Ihre Mutter ist noch Hausfrau, ihr Vater ein einfacher Arbeiter. Sie wächst in armseligen Verhältnissen auf und muss schon sehr früh als sogenannte Anlegerin in einer Druckerei eine Hilfstätigkeit ausüben, um für ihren Lebensunterhalt und später auch für den ihrer Mutter und Geschwister aufzukommen. Es ist für sie keine Frage, 1889 den "Verein der Arbeiterinnen an Buch- und Steindruckpressen" mit zu gründen. Zehn Pfennige sind der anfängliche wöchentliche Mitgliedsbeitrag. Für Paula Thiede sind diese Pfennige gut angelegt. Erst 1898 wird der Verein in der Gewerkschaft aufgehen, der Paula Thiede bis zu ihrem Tod vorsitzen wird. Thiede und die anderen Frauen bleiben zunächst unter sich und schaffen erst einmal Grundlagen für gewerkschaftliche Frauenarbeit.

    1890 heiratet Paula Thiede zwar zunächst und hört auf zu arbeiten. Doch schon zwei Jahre später legt sie wieder Papier an einer Druckmaschine ein, ist mit 22 Jahren Witwe, hat ein kleines Kind, das zweite stirbt schon kurz nach der Geburt. Zu diesem Zeitpunkt heißt sie noch Paula Fehlberg und taucht am 4. März 1892 unter diesem Namen als neugewähltes Vorstandmitglied in der Organisation der Hilfsarbeiterinnen auf. Von nun an verschreibt sie sich ganz der gewerkschaftlichen Sache. Nächtelang und jahrelang schreibt sie in der kleinen Wohnung, in der sie mit ihrem Kind, der Mutter und der jüngeren Schwester lebt, Versammlungseinladungen und Anschreiben an die Kolleginnen, die sie dann tags darauf nach der Arbeit persönlich verteilt. Alles unentgeltlich. Sie will, dass auch die Hilfsarbeiterinnen einen Lohn zum Leben bekommen.

    Aber nicht um jeden Preis. 1898 wird sie mit 28 Jahren einstimmig zur Vorsitzenden des neuen "Verbandes der Buch- und Steindruckerei-Hilfsarbeiter und -arbeiterinnen Deutschlands" gewählt. Sie hat inzwischen wieder geheiratet und trägt jetzt den Namen Thiede. Ein Jahr später, auf dem ersten Verbandstag, will sie ihr Amt schmeißen. Die Delegierten lehnen 300 Mark Jahresbesoldung angesichts der Einnahmen der Gewerkschaft als entschieden zu hoch für die Vorsitzende ab. Paula Thiede sagt daraufhin: "Hätte ich die Zeit, die ich dem Verband gewidmet habe, im Dienste eines Unternehmens zugebracht, hätte ich ein Mehr dessen verdient, was jetzt beantragt wird." Sie verzichte auf ihre Wiederwahl, wenn dem Antrag nicht stattgegeben werde. Sie nimmt die Wahl schließlich bei einem Jahresgehalt von 200 Mark an - allerdings mit der Option auf ein höheres Gehalt, sollten die Einnahmen steigen.

    Die erste Austrittswelle

    Ausgerechnet in ihrer Berliner Zahlstelle droht die noch junge Organisation wieder zu zerfallen. Die Berliner/innen waren strikt gegen eine Erhöhung der Besoldung. Es kommt unter den landesweit bis dato nur knapp 1.500 Mitgliedern zu einer Austrittswelle. Paula Thiede reist in zehn Städte und kann viele dazu bewegen, den Austritt aus der Zentralorganisation rückgängig zu machen. Am 28. Oktober 1900 gibt sie dennoch das Amt der Vorsitzenden auf. Warum, bleibt unklar. Ende Januar 1902 übernimmt sie den Vorsitz wieder, ebenso die Redaktion der Solidarität, der Verbandszeitung. Die Entschädigung für ihre bis dahin immer noch ehrenamtliche Betätigung beträgt nun immerhin 600 Mark im Jahr. Im Protokoll des Verbandstages ist dazu zu lesen: "Frau Thiede bemerkte, dass ihr einziger Fehler nur darin besteht, dass sie eine Frau ist, denn Fehler in der Geschäftsführung sind ihr nicht nachzuweisen."

    In den kommenden 17 Jahren zeigt Paula Thiede, was sie als Frau zu leisten vermag. Beginnend mit dem anfangs kostlosen Rechtsschutz und einer kleinen Arbeitslosenunterstützung, setzt sie später mit ihrem Verband auch Lohnerhöhungen, teils von einer Mark pro Stunde, durch, erstreitet verbindliche Tarifverträge und forciert die Einrichtung von Ledigenheimen für Frauen. Ende 1906 kommt ihr Verband in Leipzig zu den ersten Tarifverhandlungen zusammen. Auf dem Abschlussfoto von der Verhandlungskommission steht die kleine, aber kräftige Paula Thiede hinten in der Mitte, gerahmt von 16 Männern und drei Frauen. Sie blickt mit großen Augen nach rechts aus dem Bild, als plane sie schon weitere Schritte.

    Wo sind die Arbeiterinnen?

    Bis 1919 wird sich die Mitgliedschaft ihrer Organisation verzehnfacht haben. Paula Thiede hat dabei vor allem auch die Frauen im Blick gehabt. 1913 schreibt sie in der Solidarität: "Nach der Berufszählung von 1907 kamen für unsere Organisation 30.976 Hilfsarbeiterinnen in Betracht, aber nach dem Geschäftsbericht von 1912 sind erst 8.535 Arbeiterinnen bei uns organisiert." Eine Leserbriefschreiberin aus Dresden antwortet ihr: "Aber wie kann man von uns Frauen selbstlose Aufopferung verlangen, wenn wir sehen müssen, wie unwürdig wir - um es gerade heraus zu sagen - von unseren männlichen Arbeitskollegen behandelt werden. Für die meisten und leider oft intelligentesten sind wir hier bloß ,Weiber'. Wie soll aber die Solidarität und Disziplin in unseren Herzen Raum fassen, wie sollen wir uns für den Emanzipationskampf der Arbeiterklasse begeistern können...?" Der nahende erste Weltkrieg schiebt die Frauenfrage weiter auf. Paula Thiede schafft es zwar, den Verband sicher durch die Kriegsjahre zu führen und wachsen zu lassen, die Lohnungleichheit zwischen Frauen und Männern existiert aber noch immer.

    Als Paula Thiede am 3. März 1919 stirbt, waren Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht bereits ermordet worden. Luxemburgs Leiche sollte erst im Mai im Landwehrkanal gefunden werden. Das Proletariat hatte seine Revolution verloren, die Verhandlungen über Arbeits- und Lohnverhältnisse lagen weiter bei den Gewerkschaften, nicht bei den Arbeiterräten. Die Gewerkschafterin Paula Thiede hatte ein starkes Fundament gelegt. Es hält bis heute.

    Artikel aus:

    ver.di PUBLIK 07-2015