Bildung, Wissenschaft und Forschung

    Bilanz nach 22 Jahren in Deutschland

    biwifo report 03/2015

    Bilanz nach 22 Jahren in Deutschland

    O-Ton aus biwifo report 03/2015: Gen(d)erationenwechsel

    Taha Karem Foto: privat Taha Karem

    "Wer flieht, verliert alles, was er besessen hat. Man nimmt eine Tasche und die Hoffnung mit. Sobald man einen sicheren Boden erreicht hat, beginnt ein neues Leben. Ich bin vor 22 Jahren nach Deutschland gekommen. Damals gab es noch keine Sprach- und Integrationskurse für nicht anerkannte Flüchtlinge. Ich habe nach zwei Jahren meinen Aufenthaltsstatus bekommen und musste alles selbst in die Hand nehmen, um schnell Deutsch zu lernen. Da ich eine interkulturelle Einstellung habe, konnte ich ohne Bedenken viele verschiedene Menschen kennenlernen. Das war für mich eine große Bereicherung, die meinen Horizont erweitert hat.

    Interkulturell bedeutet für mich, dass sich jeder Mensch in seiner Haut wohl fühlt, ohne wegen der Herkunft diskriminiert zu werden. Interkulturelle Einstellung ist die Grundlage der Kommunikation, wenn unterschiedliche Menschen miteinander leben und arbeiten. Nur wenn wir unsere Werte gegenseitig akzeptieren und respektieren, können wir gut miteinander auskommen; sonst entstehen Missverständnisse und Konflikte. Der Staat muss dafür sorgen, dass alle das Grundgesetz kennen – es muss der Rahmen unseres gemeinsamen Lebens sein.

    In den Pausen haben mir Kolleg*innen geholfen, damit ich die Sprache schnell lerne.

    Seit 20 Jahren arbeite ich bei der Münchner Stadtbibliothek. Die Bilanz fällt gemischt aus. Zum einen gibt es sehr schöne Erfahrungen. Als ich angefangen habe, konnte ich wenig Deutsch. In den Pausen haben mir Kolleg*innen geholfen, damit ich die Sprache schnell lerne. Mit einigen habe ich seit Jahren privaten Kontakt. Sie sind für mich gute Vorbilder. Unsere Teamleiterin Frau Winkel hat mich sehr unterstützt, eine feste Stelle in der Bibliothek zu bekommen. Auch die Bibliotheksleitung Frau Dr. Schubert hat mich immer als Bereicherung gesehen. Sie verstand und praktizierte die interkulturelle Perspektive seit langem. Ich bin den beiden sehr dankbar, dass ich in der Bibliothek meinen sicheren Arbeitsplatz bekommen habe.

    Die schlechten Erfahrungen kamen mit der Zeit. Als Migrant hat man es manchmal nicht leicht sich durchzusetzen. Ich habe erlebt, dass einige Kolleg*nnen nicht offen und ohne Ängste und Vorurteile kommunizieren können. Es ist Glückssache, in welcher Abteilung man landet. Ich habe lange in der Kinder- und Jugendbibliothek gearbeitet. Die Tätigkeit machte mir Spaß. Aber zugleich fühlte ich mich unwohl, ständig unter Druck gesetzt, nicht akzeptiert. Ich spürte, dass Unterschiede gemacht wurden zwischen den deutschen und nicht deutschen Kolleg*innen und ich gezielt nicht gefördert wurde. Manchmal musste ich blöde Sprüche über Ausländer hören.

    Aber es gibt in der Bibliothek große Hoffnung, uns interkulturell weiter zu entwickeln, weil unser Direktor die interkulturelle Arbeit zum Schwerpunkt erklärt hat. Das alles ist ein Prozess. An dem bin auch ich beteiligt.

    Mein Fokus im Personalrat lag auf der interkulturellen Kommunikation innerhalb des Personals und wie wir sie verbessern und bewusster gestalten könnten. Leider fand ich dafür keine Unterstützung, erlebte im Gegenteil, dass
    mein Anliegen ignoriert und blockiert wurde. Ich war 2002 in den Personalrat gewählt worden und hatte mich so gut entwickelt, dass ich es in der jetzigen Periode in den Vorstand schaffte. Vom März bis August dieses Jahres war ich als stellvertretender Vorsitzender freigestellt – dann habe ich mein Amt niedergelegt. Es gab Gründe, die mich zum Rücktritt bewegt haben, die ich hier nicht auflisten darf. Meine Erfahrungen im Personalrat haben mich gelehrt, dass ich versuchen will, meine Anliegen stärker zu präsentieren und durchzusetzen.

    Aus Fehlern lernt man – deshalb ist einer nicht genug."

    Taha Karem